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Weltberühmt beginnt beim Bäcker nebenan

Es gibt Biographien, die beginnen im Kleinen, im Alltäglichen – quasi unter uns. Ich möchte Ihnen heute einen Menschen näher bringen, dessen Geschichte im Jahr 1853 bei einem Bäcker begann.

Ist ein Bäcker berühmt? Eher nicht, aber sein Brot ist für das Dorf von Bedeutung. Und dieser Bäcker Michael Ernst Altenburg aus dem Nachbardorf Alach heiratete die Tochter Christine Marie des be-güterten Schulzen Anton Müller in Salomonsborn.

Einige Jahre später heiratete eine der Töchter, Alwine Hermine Ottilie, den Gärtner Geissler. Weil die Voraussetzungen für den Gartenbau in Erfurt deutlich besser waren als in Salomonsborn, zog die Fa-milie dahin.

Bis hierhin werden Ihnen keine der Namen berühmt vorgekommen sein.

Am 25. Juni 1881 gebar Alwine ihren Sohn Paul Geissler in Erfurt.  Auch er war anfangs nicht berühmt, aber das wird sich ändern. Nach dem Schulbesuch sollte Paul Geissler den ehrbaren Beruf eines Kaufmanns erlernen. Aber er hatte andere Interessen und machte eine Lehre in Erfurt bei K. Ruser als Dekorationsmaler. Nebenbei nahm er noch Zeichenunterricht bei dem Maler Sondermann. Danach besuchte er vier Jahre die Kunstgewerbeschule in Erfurt. Mit 22 Jahren wurde er an der groß-herzoglichen Kunstschule in Weimar weiter ausgebildet. Als Meisterschüler von Prof. Max Thedy führte er bereits Aufträge von der deutschen Kaiserin und für eine Privatgalerie eines russischen Großfürsten aus.

Er bildete sich in der grafischen Richtung, der Radierung, weiter. Sein Spektrum als Landschafts- und Architekturmaler vergrößerte sich damit beträchtlich. Jetzt wurde er bekannter, vielleicht auch berühmt. 1910 heiratete er Martha Richter. Bei Auslandsreisen u. a. nach Paris schuf er großformatige Radie-rungen. Zurück aus Paris 1912 siedelte er nach München um. Nun wurde er bereits mit 31 Jahren in den Vorstand des Vereins für Original-Radierungen gewählt. Eine Reise durch mehrere Länder Europas dauerte zwei Jahre und danach zog er von München nach Garmisch-Partenkirchen. Bis 1932 war er Vor-sitzender des Künstlerbundes „Werdenfelser Land“. Im Jahr 1943 erfolgte eine Ernennung zum Pro-fessor. Im Laufe seines künstlerischen Lebens führten ihn seine Reisen auch bis nach Amerika. Trotz mehrerer Angebote von verschiedenen Universitäten wollte er aber seine Unabhängigkeit behalten.

Paul Geissler starb am 30.Mai 1965 mit 84 Jahren in Garmisch-Partenkirchen.

Er hinterließ als überaus aktiver Künstler über 600 Radierungen, hauptsächlich Architekturradierungen; davon viele aus deutschen Städten. Von diesen sind mehrere in den Kunstsammlungen der Stadt Erfurt vorhanden. Seine Werke signierte er sehr unterschiedlich; anfänglich mit Geissler-Altenburg, danach vorwiegend mit Geißler, aber die in Amerika entstandenen wiederum mit Geissler.

Während seiner Besuche in Salomonsborn lernte Paul Geissler das Landleben der Dorfbewohner ken-nen. Längst nicht mehr existierende Gebäude, wie die Mühle von Alach, hielt er ebenso im Bild fest, wie „Das Bergdorf Salomonsborn“ mit dem Gehöft seiner Großeltern. Diese Radierung erschien vor einigen Jahren in der Zeitung  „Thüringer Allgemeine“. 

Aber auch mit kleineren gezeichneten Kunstwerken, nämlich Postkarten, hat er sich befasst. Eine Beson-derheit bei den von ihm gestalteten Postkarten mit dörflichen Ansichten der Erfurter Gegend ist die Sil-houette der Kirchtürme von Dom und Severikirche am Horizont. Hier eine Weihnachtspostkarte von Paul Geissler. Signiert links unten Paul Geissler-Altenburg, Dresden 1906. Am Fuhrwerk ist ein Schild mit der Aufschrift „Weihnachtsmann Salomonsborn“ zu erkennen. Als Kopie erhielt ich diese Karte 2008 von dem Inhaber des Antiquitätengeschäfts in der Marktstraße in Erfurt.

Sie sehen, große Biographien können nebenan beginnen. Und oft lohnen sich ein zweiter Blick auf altes Papier, ein Plausch beim Bäcker und der Austausch von Geschichten. Vielleicht ist ihr Nachbar von ne-benan berühmt? Ich würde mich freuen, wenn diese Nachbarschaft im Bergkreis gelebt wird und Ge-schichte nicht nur vergangen ist, sondern mit den Beiträgen der Dorfhistoriker wieder lebendig wird.

Dieser Beitrag erschien in "Der Bergkreis" 03/2013.

Der Sohn von Prof. Geissler, Paul Geissler, trat in die Fußstapfen seines Vaters. Von ihm sind zwei Ge-mälde von Salomonsborn bekannt. Auf dem ersten Gemälde hat er sich die Radierung seines Vaters zum Vorbild genommen und den Blick zur Kirche vom Hof des Hauses seiner Urgroßeltern dargestellt. 

Ein zweites Gemälde zeigt das Dorf aus östlicher Richtung von einem Weg, der von Gispersleben nach Salomonsborn führt.

Beide Gemälde entstanden 1941 und befinden sich im Besitz eines Salomonsborner Einwohners. Die Zustimmung zur Veröffentlichung liegt vor.